Schwangere Frau kümmert sich um ihren Beckenboden

Mein Beckenboden und das Kinderkriegen

Habe ich eigentlich auch einen Beckenboden? Na klar, so wie jeder Mensch. Denn ohne einen Beckenboden wäre man – verzeiht den bildhaften Vergleich – ein „Fass ohne Boden“. Wie eine große Schüssel trägt er unsere inneren Organe. Deshalb nennt man ihn auch manch­mal „starke Mitte“. Der Beckenboden verschließt außerdem unsere Körper­öffnungen auf der „Südhalbkugel“, zwei beim Mann und drei bei der Frau. Habt ihr mitgezählt?

Ohne einen Beckenboden wäre man ein Fass ohne Boden.

Weil der Becken­boden mit verschiedenen anderen Muskeln unseres Körpers vernetzt ist, unterstützt er auch eine aufrechte Haltung und korrekte Atmung. Und ganz nebenbei steigert eine trainierte weibliche Beckenboden-Muskulatur beim Sex das Lustempfinden beider Partner. Also wenn das kein Argument ist!!

Der Beckenboden wird von drei fächerartig übereinander liegenden Muskelschichten im Becken gebildet. Er ist handtellerdick, kräftig, aber gleichzeitig elastisch. Wie jeder Muskel kann er durch gezieltes Training gekräftigt werden. Bei jungen und gesunden Menschen arbeitet der Beckenboden tagein, tagaus zuverlässig vor sich hin. Er verlangt keine Beachtung und kein Lob für seine treuen Dienste.

Eigentlich perfekt. Wenn es da nicht die Sache mit dem Kinderkriegen gäbe. Jedenfalls war es dieser Kontext, in dem ich mich zum ersten Mal bewusst mit meinem Beckenboden beschäftigt habe. Ganz schön intimes Thema, nicht wahr? Aber es geht hier um eine gute Sache. Deshalb nehme ich jetzt all meinen Mut zusammen und spreche Klartext über meine persönlichen Erfahrungen.

Ganz schön intimes Thema, nicht wahr?

Mein Beckenboden und ich

Mit meinen nicht mehr komplett taufrischen 36 Jahren bin ich der Prototyp einer „working mum“, wie man das heute so schön nennt. Ich meistere den modernen Spagat zwischen Familie und Job, achte auf meine Gesundheit, ernähre mich vegan, pflege intensiv meine Freundschaften und engagiere mich sozial.

Nehmt Ihr mir das echt ab? Okay, ich gebe es zu, die Realität sieht ein bisschen anders aus: Ich kriege Familie und Job ab und zu gut unter einen Hut, vernachlässige häufiger meine Gesundheit, esse so ziemlich alles (und immer), sehe meine Freunde nicht oft genug, obwohl sie mir sehr wichtig sind, und ich engagiere mich, sofern es die Zeit zulässt.

Mein Beckenboden und ich, wir waren früher so ziemlich beste Freundinnen. Wir haben einfach alles zusammen gemacht: Wandern, Fahrradfahren, Volleyball, Reiten und insgesamt fünf Umzüge inklusive Kistenschleppen und Möbelwuchten. Wir gingen durch Dick und Dünn (tendenziell zwar mehr Dick als Dünn, aber who cares?). Meine Freundin Beckenboden hat mich in allen meinen Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes perfekt „unterstützt“. Und das, obwohl ich ihr kaum Beachtung geschenkt und mich selten revanchiert habe. Ich hielt unsere Beziehung für selbstverständlich und stark genug, allen Widrigkeiten zu trotzen. Und dann wurde ich schwanger.

Der Beckenboden und das Kinderkriegen

Kindermachen ist nicht schwer, Kinderkriegen dagegen sehr

Im Schwangeren-Yoga nahm ich zum allerersten Mal bewusst Kontakt mit Freundin Becken­boden auf. Glücklicher­weise besitze ich ein gutes Körpergefühl, weshalb es mir nicht schwer­fiel, unter Anleitung der Trainerin meine „Mitte“ zu erspüren. Nach wenigen Versuchen steuer­te ich meine Becken­boden­muskulatur mühelos an, so als würde ich an eine Tür klopfen und fragen: „Hallo, ich bins. Ich weiß, du bist da. Können wir reden?“ Und es klappte.

Ich lernte meine gute alte Freundin im Schwangeren-Yoga und auch später im Geburtsvor­bereitungs­kurs ganz neu und von einer völlig anderen Seite kennen. Geduldig ertrug sie meine gymnastischen Verbiegungen und Atemübungen, während der Babybauch und damit das Gewicht, das auf sie drückte, von Monat zu Monat größer wurde. Am Ende meiner ersten Schwangerschaft fühlte ich mich wie der berühmte gestrandete Wal. Fast komplett bewegungsunfähig versuchte ich, die Zeit bis zur Geburt in einer möglichst wenig unbequemen Position herumzukriegen und gab mir alle Mühe, dabei genug Luft zum Atmen zu kriegen. An Yoga oder Gymnastik war nicht mehr zu denken.

Heute weiß ich, wie sehr meine treue Gefährtin unter all den Belastungen ge­litten hat.

Aber auch in dieser Extrem-Situation und schließlich bei der Geburt meiner Tochter konnte ich voll auf meinen Beckenboden zählen. Heute weiß ich, wie sehr meine treue Gefährtin unter all den Belastungen ge­litten hat. Vor allem, weil sich das ganze Spielchen nach nicht einmal zwei Jahren wieder­holte. Keine Sorge, liebe Mütter-in-spe, ich gehe geburtstechnisch nicht ins Detail. Allerdings bin ich es meiner Freundin schuldig, hier einmal zu erwähnen, welche Meisterleistung der Beckenboden beim Kinderkriegen erbringt.

Nicht nur, dass er während der Schwangerschaft ein täglich größer werdendes Gewicht erträgt. Schon Wochen vor der Geburt sorgen bestimmte Hormone dafür, dass er weich und elastisch wird, damit das Kind überhaupt den Weg hinaus in die Welt finden kann. Durch alle drei Muskel­schich­ten hindurch. Unvorstellbar, oder? Aber es funktioniert … irgendwie. #mutternaturistgenial
Liebe Freundin, ich möchte dir an dieser Stelle ein großes Dankeschön sagen. Ich schätze deine Freundschaft sehr und habe höchsten Respekt vor dir!

… und Mutter sein noch viel mehr

Mein Beckenboden und ich gönnten uns in der Zeit unmittelbar nach der Geburt (ähnlich wie mein Mann und ich) keine Quality time miteinander. Schließlich gab es jetzt dieses kleine Mensch­lein, das gewickelt, gefüttert, gebadet und von früh bis spät herumgetragen werden wollte.

Erst im Rückbildungskurs kam es wieder zu einem bewussten Kontakt mit meiner Freundin. „Hallo. Kennst Du mich noch? Können wir reden?“, fragte ich. Nichts als Stille. „Hallo?“ rief ich nochmal. Ganz leise eine Antwort: „Ich glaub, ich bin noch da.“ Ich wieder: „Wo denn?“ Sie: „Weiß nicht. Such mich.“ Und das tat ich.

… ich versuchte, meinen Beckenboden in einer distanzierten und formlosen Gefühls-Wattewolke auszumachen.

Wie ein frisch Erblindeter seine eigentlich vertraute Umwelt ganz neu entdecken muss, versuchte ich, meinen Beckenboden in einer distanzierten und formlosen Gefühls-Wattewolke auszumachen und anzusteuern. Dabei war es nicht sonderlich hilfreich, dass ich das Rückbildungs-Training gefühlte 78 Mal unterbrechen musste, um mein schreiendes Baby zu trösten, zu füttern oder zu wickeln. Meistens alles gleichzeitig und mehrfach hintereinander. Es blieb schlicht zu wenig Zeit für mich.

Eine Situation, die sich über die nächsten Jahre kaum verändern sollte. Die Beziehung zu meinem Beckenboden verbesserte sich trotzdem langsam wieder. Ich kann jedoch nicht behaupten, dass ich dazu viel beigetragen hätte. Wie immer zog meine treue Gefährtin alleine die (Muskel-)Strippen. Denn mein neuer süß-saurer Zweifach-Mutter-Achter­bahn-Alltag verlangte meine volle Aufmerksam­keit, nein, meine einzige Aufmerk­samkeit. Aber es war ja auch alles in Ordnung bei mir, oder nicht?

Beckenboden Krise

Beckenboden-Beziehungskrise

Naja, nicht ganz in Ordnung. Seit neuestem hatte ich Rückenschmerzen. Kein Wunder, denn meine Haltung war in letzter Zeit ein wenig einseitig. Ihr müsst Euch das etwa so vorstellen: Ich umklammere mit dem rechten Arm mein Baby, das auf meiner eingeknickten Hüfte sitzt. Von meiner linken Schulter baumelt dabei eine randvolle großformatige Windeltasche. Aber die größte Herausforderung ist nicht etwa, die Balance zwischen Kind und Tasche zu halten, nein – sondern dass ich in dieser seltsamen Position auch noch versuche, meinem herum­springen­­den Kindergartenkind einhändig den Reißverschluss zuzumachen oder ihm die Nase zu putzen oder es davon abzuhalten, auf die Straße zu laufen.

Und so kam es, dass meine Freundin Beckenboden immer öfter ihre Grenzen überschritt.

Nicht nur, dass sie sich von den Strapazen der Schwangerschaften und Geburten immer noch nicht ganz erholt hatte, obendrein musste sie mein noch leicht be-babyspecktes Dasein als Mama-Taxi und Packesel (er)tragen. Ihre Ressourcen schwanden. Ich kann im Nachhinein nicht mehr sagen, wann es passiert ist oder ob es überhaupt einen bestimmten Moment gab, an dem sich etwas grundlegend veränderte. Tatsache war, dass ich mich plötzlich nicht mehr 100%ig auf meinen Beckenboden verlassen konnte. Wie auch? Ich hatte meine treue Gefährtin ja völlig vernachlässigt. Und das als sie mich mehr denn je ge­braucht hätte. Ich kann ihr wirklich keine Vorwürfe machen.

Die Folge unserer Beziehungs­krise waren zusätzliche Rückenschmerzen und ein mysteriöses Ziehen im Unterleib beim Rennen. Zu meinem großen Entsetzen kam es sogar vor, dass ich beim Niesen oder Heben schwerer Dinge/Kinder ein Tröpfchen Urin verlor. Das war nicht drama­tisch, nervte aber gewaltig!

Ich und Blasen­schwäche? Unmöglich, das war doch eine Omi-Krankheit, oder etwa nicht?

Blasenschwäche betrifft nicht nur alte Leute

Feuchte Fakten

Mittlerweile weiß ich, dass meine Beschwerden im Gegensatz zu dem, was andere Frauen erleben, minimal waren. Glücklicherweise ist heute wieder alles gut. Darüber bin ich heil­froh. Aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, denn ich weiß, dass das Leben für mich und meinen Beckenboden noch ein paar Stolpersteine bereithält.

In den Wechseljahren wird mein Körper z.B. erneut von weiblichen Hormonen überflutet und aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Man weiß, dass sich das auch auf den Beckenboden auswirkt und ihn schwächt. Muskeln und Gewebe verlieren im Alter zudem an Kraft, was Beckenboden­pro­ble­me wie Blasenschwäche, Gebärmutter– oder Scheidenvorfälle weiter begünstigt.

Studien haben ergeben, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Alter und Anzahl der Geburten von Frauen und der Wahr­scheinlichkeit, dass sie später an Inkontinenz leiden werden. Wusstet Ihr, dass die Hälfte aller deutschen Frauen in den Wechseljahren eine Blasen­schwä­che entwickelt? Insgesamt rund sieben Mio. Frauen (Dunkel­ziffer unbekannt) sind in der Bundesrepublik davon betroffen. Diese Zahlen erschrecken mich! Vor allem, weil ich von keinem einzigen Fall in meinem Bekannten­kreis weiß. Auf der anderen Seite: Wer erzählt schon gern öffent­lich, dass er „nicht ganz dicht“ hält?

Fit bis ins hohe Alter

Mein Beckenboden und ich haben unsere Krise überwunden. Heute ist unser Verhältnis sehr gut. Ich höre wieder besser hin und gönne uns ab und zu eine Runde Sport. Meine Freundin stärkt mir dafür bei meinen Aktivitäten wieder den Rücken. Aber ich bin nachdenklich ge­wor­den. Es ist gut möglich, dass wir im Alter wieder in Schwierigkeiten geraten. Ich will aber auch später im Leben auf nichts verzichten müssen.

Ich möchte ein aktives Leben führen, Sport machen und wenn die Kinder groß sind auch endlich wieder reisen. Dafür muss und will ich fit sein!

Liebe Mädels, erkennt Ihr Euch womöglich wieder? Macht Ihr Euch auch Gedanken über Eure Gesundheit? Toll, dann hat dieser Artikel seinen Zweck erfüllt. Ich finde, wir Frauen sollten uns viel intensiver mit unserem Beckenboden befassen und ihn stärker ins Zentrum unserer Gesundheit rücken. Schließlich hat seine Verfassung größten Einfluss auf unser weibliches Wohlbefinden.

Deshalb hier mein Appell an Euch: 

  • Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Macht Euch im Internet, beim Arzt Eures Vertrauens oder sonstwo schlau über den Beckenboden.
  • Gebt Eurem Beckenboden eine Stimme. Tut, was Ihr am besten könnt, und tauscht Euch aus. Wir Frauen reden doch sonst über alles.
  • Zurück in Form! Nach einer Geburt solltet Ihr unbedingt einen Rückbildungskurs besuchen, z.B. in einer Hebammen-Praxis oder Klinik.
  • Beugt vor und stärkt Eure Mitte. Volkshochschulen, Turnvereine oder Familienzentren bieten oft spezielle Becken­boden­kurse für jederfrau an. Wer lieber in den eigenen vier Wänden trainieren und dabei möglichst flexibel sein möchte, für den könnte unsere Beckenboden-App pelvina genau das Richtige sein.
  • Wollt Ihr Euch die Kugel geben? Zugegeben, das ist etwas für Experimen­tier­freu­di­ge. Sogenannte „Liebeskugeln“ gibt es in sämtlichen Formen und Farben. Sie sind ein legitimes Mittel zur Beckenboden-Kräftigung. Mehr dazu im Blog-Artikel „Liebeskugeln – Perlen für die Lust„.

Welche Möglichkeit für Euch die richtige ist, hängt natürlich von Eurer Gesundheit, Eurem individuellen Alltag und Euren persönlichen Zielen ab. Hauptsache Ihr tut Euch und Eurem Beckenboden etwas Gutes. Habt Spaß und bleibt fit!

Schon immer galt Jennys Leidenschaft den Worten. In der Grundschule diente ihr ein dudelnder Kassettenrekorder für eigene Tonaufnahmen. Ihre Geschichten brachte sie mithilfe ihrer lebhaften Fantasie und einer antiken Schreibmaschine zu Papier. Heute ist Jenny Mutter von zwei kleinen Quasselstrippen, arbeitet als Texterin, Redakteurin und Studiosprecherin und beschäftigt sich mit dem Thema "Beckenboden". Viele Dinge haben sich also seit der Grundschule verändert, aber ins Schreiben steckt sie nach wie vor … ganz viel Herzblut.

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