Gebärmutterentfernung - wenn dir das Leben Zitronen gibt

Wenn das Leben dir Zitronen gibt – Gebärmutterentfernung

Was macht eigentlich eine Gebärmutterentfernung mit dem Beckenboden und was sind die physischen und psychischen Folgen dieses schweren Eingriffs? Shirley kennt die Antworten auf diese Fragen nur zu gut. Für euch berichtet die zweifache Mutter offen über ihre Geschichte. 

Hi Shirley. Wie mutig von dir, dass du uns von deinem Leidensweg erzählen möchtest. Magst du dich kurz vorstellen?

Ich heiße Shirley, bin 46 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern (6 und 12 Jahre alt) und von Beruf Architektin.Ursprünglich komme ich aus Peru, habe aber in Deutschland studiert und wohne schon seit etwa 23 Jahren hier in München. Ich möchte den Lesern von meinem jahrelangen Beckenbodenleiden und meiner Gebärmutterentfernung erzählen.

Vor der Gebärmutterentfernung

Wie verliefen deine Schwangerschaften und Geburten?

Beide Schwangerschaften habe ich als richtig angenehm empfunden. Bei der ersten Schwangerschaft hatte ich auch keine Beschwerden. Mein Gynäkologe hat damals festgestellt, dass das Kind für meinen Körper von Anfang an sehr groß war. Im Krankenhaus meinten die Hebamme und der behandelnde Arzt aber, dass  man darauf bei der Geburt nicht weiter Rücksicht nehmen bräuchte, und dass ich ganz normal entbinden könnte. Und das wollte ich ja auch. Das Kind kam zwei Wochen nach Geburtstermin auf die Welt und war für mein Becken wirklich sehr groß und schwer. So bekam ich bei der Geburt einen Dammriss und Scheidenrisse, die genäht werden mussten. Das war schon heftig! Ich konnte drei Monate lang nicht richtig sitzen und hatte starke Schmerzen.

Für die zweite Geburt habe ich Klinik und Gynäkologen gewechselt. Das zweite Kind war genauso groß und schwer wie das erste, aber dank meiner tollen Hebamme war es eine sehr schöne und schnelle Geburt, die reibungslos verlief.

Hattest du vor den Geburten schon Beckenbodenprobleme? Und welche danach?

Vor den Geburten hatte ich absolut gar keine Probleme. Es funktionierte alles super, und ich war sehr sportlich, bin Ski gefahren, habe Kung-Fu gemacht usw.

Nach der ersten Geburt hatte ich Schwierigkeiten bei Wasserlassen, Darmentleerung und Geschlechtsverkehr. Gleichzeitig zu den Schmerzen hatte ich auch kein Gefühl mehr im Intimbereich. Dazu kam auch noch eine Stressinkontinenz, die so schlimm war, dass ich Einlagen tragen musste. Bei jedem Husten oder Treppensteigen … es war der Horror.

Und dann war da noch dieser ständige Druck im Unterleib.

Speziell beim Sport fühlte es sich an, als ob meine Gebärmutter gleich herausfallen würde.  Sofort musste ich auf die Toilette rennen.

Hast du einen Rückbildungskurs oder einen speziellen Beckenbodenkurs besucht?

Ja, ich habe einen Rückbildungskurs besucht. Nicht sofort, das war nicht möglich wegen der Schmerzen, sondern ungefähr ein Dreiviertel Jahr nach der Geburt. Aber ich konnte keinen Effekt feststellen und hatte weiterhin Probleme. Daher riet mir mein Gynäkologe, meinen Beckenboden gezielt mit Physio oder Pilates zu trainieren. Das habe ich von da an regelmäßig gemacht, zunächst in einem Kurs bei einer speziellen Beckenboden-Therapeutin. Mit wenig Erfolg. Dazu kam, dass mein Baby nicht gerade pflegeleicht war. Diese Übungen konzentriert zu machen, war sehr schwierig.

Das hört sich nach einer harten Zeit an. Was ist weiter geschehen?

Als sich meine Probleme nach einem Jahr immer noch nicht gebessert hatten, überwies mich meine Ärztin an das Beckenbodenzentrum München. Dort wurde neben der Inkontinenz ein starker Prolaps (Gebärmuttervorfall) festgestellt. Meine Gebärmutter war also stark gesenkt und übte so starken Druck auf die Blase, den Darm und die umliegenden Organe aus. Mit normalen Beckenbodenübungen würden sich meine Beschwerden nie bessern.

Neben der Inkontinenz wurde ein starker Prolaps (Gebärmuttervorfall) festgestellt.

Zuerst verschrieben sie mir einen Pessar. Es handelte sich um einen Würfel aus weichem Kunststoff von ca. 3 cm Seitenlänge. Es war mir kaum möglich, diesen einzuführen. Und wenn, dann nur mit extremen reissenden Schmerzen. Deshalb haben sie mir später einen Elektro-Apparat empfohlen, um den Beckenboden von innen zu stimulieren. Das war ein Stäbchen zum Einführen, das elektrische Impulse aussendet. Das war für mich wie eine Anleitung zur Selbstbefriedigung, einfach unschön, aber ich habe diese Übungen trotzdem gemacht. Ich wollte ja eine Heilung erfahren. Eine gewisse Empfindsamkeit im Intimbereich habe ich dadurch wiederbekommen, aber leider hat mir das auch nicht wirklich gebracht, was ich mir erhofft hatte.

Welche Auswirkungen hatten deine Probleme auf eure familiäre Situation?

Mein Mann war natürlich fertig, weil er Angst hatte, mich überhaupt noch anzufassen. Er wollte mir ja nicht wehtun. Und bei mir hat sich das auch alles auf die Psyche gelegt. Ich hatte depressive und aggressive Phasen.

Nach der Gebärmutterentfernung

Wie kam es zu der Gebärmutterentfernung?

Nach vielen Jahren Beckenbodentraining ohne echte Verbesserung meiner Beschwerden hatten meine Ärzte die Bestätigung, dass das einzige, was mir nach der extremen Gebärmuttersenkung noch helfen kann, eine Operation ist. Ich war aber noch nicht soweit. Ich wollte unsere Familienplanung mit einem zweiten Kind abschließen und habe mich wirklich sehr auf die Schwangerschaft und das Baby gefreut.

Nachdem mein Sohn 2 Jahre alt war, wurde die Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) durch die Scheide und die Bauchdecke durchgeführt. Die OP war sehr umfangreich, es wurde nicht nur die Gebärmutter entfernt. Auch die Blase und der Enddarm mussten innerlich neu „aufgehängt“ bzw. befestigt werden.

Durch den jahrelangen Druck auf die Organe, waren meine Muskeln und Bänder ausgeleiert.

Wie ging es dir nach der Gebärmutterentfernung?

Mir ging es zuerst sehr schlecht, ich hatte schlimme Schmerzen und Blutungen. Wasserlassen konnte ich anfangs trotz Druck im Unterleib gar nicht alleine, später bekam ich einen Katheter mit Urinbeutel. Über mehrere Monate habe ich diesen gebraucht, bis meine Blase wieder in der Lage war, sich normal zu entleeren. Es hat bestimmt ein Dreiviertel Jahr gedauert, bis mein Alltag wieder einigermaßen normal war. Das lag vielleicht auch daran, dass ich ja ein kleines Kind zu versorgen hatte und mich nicht genug schonen konnte. Eine Haushaltshilfe wurde mir für gerade mal zwei Wochen von der Krankenkasse bewilligt. Druckgefühl im Unterleib hatte ich ständig. Ich bekam 2 Wochen nach der OP starke Blutungen. Daraufhin wurde im Beckenbodenzentrum festgestellt, dass sich die innere Aufhängung meiner Organe wieder gelöst hatte. Die umfangreiche Operation war für meinen Körper wohl zu viel gewesen.

Was hast du dann getan, um deine Situation zu verbessern?

Da das Vertrauen zum Spezialisten zerrissen war, ging ich zu einem anderen Arzt. Dieser meinte, es sähe wohl relativ schlimm aus, und dass ich in naher Zukunft nochmal operiert werden müsse, etwas anderes würde nicht helfen. Außerdem sollte ich weiterhin Physiotherapie bekommen, Beckenbodenübungen machen und Sport treiben, um die Bauchmuskulatur zu kräftigen. Das habe ich alles gemacht und auch eine Kur, weil ich nervlich stark mitgenommen war.

Wie geht es dir heute?

Die Beckenbodenübungen haben geholfen, dass die Inkontinenz nicht mehr so extrem ist. Heute kann ich unkontrollierten Urinverlust in normalen Situationen verhindern. Ich habe auch gelernt, dass ich ohne Harndrang auf die Toilette gehe und die Blase leere. Ich warte nicht bis ich gehen muss. So gehe ich halt x-mal am Tag auf die Toilette.

Ich stresse mich auch nicht mehr so mit dieser ganzen Geschichte. Ich treibe Sport und bin auf einem Niveau, wo ich einigermaßen mit allem leben kann. Ich muss nur aufpassen, welchen Sport ich mache. Laufen, hüpfen, springen soll und kann ich nämlich nicht. Beim Zumba lasse ich z.B. die Teile aus, wo gesprungen wird. Schwimmen und Radfahren tu ich auch, das ist ja beides gut für den Beckenboden.

Was würdest du rückblickend mit dem Wissen von heute anders machen?

Hätte ich gewusst, dass mein Körper zu schwach ist, hätte ich mich bei der ersten Geburt von anfang an für einen Kaiserschnitt entschieden. Und diesen Rat hätte ich damals gerne von einem Spezialisten/Arzt gehört.

Welchen Tipp hast du für andere Frauen in Sachen Gebärmutterentfernung?

Man muss sich mit dem Thema Hysterektomie umfangreich befassen und sich gut vorbereiten, auch was die Psyche angeht. Das Intimleben mit dem Partner wird zunächst eine Auszeit erleben. Deshalb ist es so wichtig, sich mit ihm darüber zu unterhalten, damit er auch Verständnis dafür hat und auf die Situation einstellen kann.

Das Intimleben mit dem Partner wird zunächst eine Auszeit erleben.

Man sollte sich für die Zeit nach dieser schweren OP außerdem gut organisieren, sodass man gar nichts machen muss und möglichst viel Ruhe hat, mindestens für die ersten vier Wochen nach dem Eingriff. Man sollte also das soziale Umfeld mit einbinden.

Wenn dein Beckenboden deine beste Freundin wäre, was würdest du dir für eure gemeinsame Zukunft wünschen?

Sie soll doch bitte so gut funktionieren, wie ich es mir wünsche. Ich würde ihr gerne sagen: „Wenn wir als Team zusammen arbeiten, kommen wir besser voran.“

Herzlichen Dank für deine offenen Worte, Shirley. Dein Erfahrungsbericht hat uns von der Redaktion sehr betroffen und nachdenklich gemacht. Deshalb bleiben wir an diesem Thema dran und möchten mit Ärzten darüber sprechen, welche Optionen man als Betroffene hat und wie man am besten mit der Situation umgeht. Dir und deiner ganze Familie wünschen wir für die Zukunft alles Gute!

Schon immer galt Jennys Leidenschaft den Worten. In der Grundschule diente ihr ein dudelnder Kassettenrekorder für eigene Tonaufnahmen. Ihre Geschichten brachte sie mithilfe ihrer lebhaften Fantasie und einer antiken Schreibmaschine zu Papier. Heute ist Jenny Mutter von zwei kleinen Quasselstrippen, arbeitet als Texterin, Redakteurin und Studiosprecherin und beschäftigt sich mit dem Thema "Beckenboden". Viele Dinge haben sich also seit der Grundschule verändert, aber ins Schreiben steckt sie nach wie vor … ganz viel Herzblut.

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